Von Mainstream Market Gardening zu Low-Inputs: Gärtnern mit der Natur


Breitwürfiges Säen im Frühjahr. Photo: (c) Kary Wilhelm, 2018
Breitwürfiges Säen im Frühjahr. Photo: (c) Kary Wilhelm, 2018

 

Nachhaltige Landwirtschaft beutet weder Boden noch Menschen aus. Genügt das?

Nach drei Jahren als Marktgärtnerin in Tirol begann ich die populär gewordene Praxis in Mainstream Market Gardening in Frage zu stellen. Auf dieser Seite dokumentiere ich meine Praxisentwicklung, ein für mich wesentliches Thema. Wie entsteht eine Praxis? Wie entwickeln wir eine Praxis weiter? Das sind nämlich die Fragestellungen, womit ich mich in meiner Dissertation in den Bildungswissenschaften beschäftigt habe. Das Dokument liegt zwar in der Schublade, die Gedanken darin begleiten mich jedoch jeden Tag. 

Saison 2020 in Tirol, das vierte Jahr des Küchengartens, habe ich mich entschlossen, die "no-dig" Market Gardening Praxis in Richtung "low-input" weiter zu entwickeln und das Potenzial eines selbst-säenden Gartens auszuloten. Letzteres klingt einfach, ist aber hochkomplex und nimmt Platz ein, Samen bilden zu lassen. Das mache ich allerdings seit langem; über 40 Sorten vermehre ich selbst, viele davon haben sich in meinem alten Küchengarten in Tirol selbst ausgesät.

 

Besucher meinten in 2020 und 2021, dass ich Permakultur betreibe und staunten, dass es kommerziell geht. Es stimmt, dass meine Praxis Holmgrens 12 Prinzipien der Permakultur erfüllen, aber das war keine bewusste Entscheidung und ich schreibe mir nicht unbedingt die Permakultur zu. Vielmehr geht es mir um "Gärtnern mit der Natur" und das bedeutet, genauso viel zu beobachten als zu beackern, sensibel und responsiv mit dem Kontext umzugehen. Einige Eindrücke von den ersten Schritte zu "low-input" sind in der zweiten Slideshow unten. Vielleicht die wichtigste Erkenntnis:  Dauerbeete, die in der neuen Marktgärtnerei populär geworden sind, sind nicht sinnvoll, wenn man mit keinen Inputs arbeitet. Vielmehr geht es um das Abwechseln von begrünten Wegen und Beeten. Nur so kann die Humusbilanz gut gemanagt werden, damit die Natur unsere Pflanzen gut versorgen kann. 

 

Als wir uns relativ spontan entschieden, ins Südburgenland zu übersiedeln, wusste ich, dass ich von Beginn an mit einem Low-Input Ansatz mit der Natur gärtnern wollte. Nun ist ein Küchengarten entstanden, und zwar mit einem Minimum an Kosten und Arbeit, naturnah und sanft.  Die ersten Monaten, als ich im zwei-Wochen-Rhythmus zwischen Tirol und Burgenland gependelt habe, sind in der Slideshow unten dokumentiert.

 

Vier Prinzipien leiten weiterhin meine Entscheidungen und meine Praxis.

Genuss bedeutet, Sorten ausgewählt nach den Sinneskriterien Geschmack, Farbe und Duft. Deshalb auch „Küchengarten“. Foodies wie ich und anspruchsvolle Köch/innen, die Vielfalt für ihre kreative Küche suchen, werden bei mir fündig.

Vielfalt heißt, alte und neue, lokale und globale Sorten ins Zusammenspiel zu bringen. Über 400 Sorten werden angebaut, keine davon erhältlich im Supermarkt und die meisten in Mischkultur.

Einfachheit im Küchengarten heißt, mit der Hilfe einfacher Werkzeuge und durch schonende Handarbeit mit der Natur zu arbeiten. Eliot Coleman bringt es für mich auf den Punkt: "Wenn das, was wir im Garten tun, kompliziert ist, ist es wahrscheinlich falsch."

Selbsterneuerung bedeutet, eine bodenaufbauende, mit der Natur harmonierende Anbauweise sowie ein taugliches "vom Garten zum Tisch" Betriebsmodell, das mich ermöglicht, diese Arbeit zu machen. 

 


Der neue Küchengarten in Südburgenland entsteht!

Die Untertiteln erzählen die Geschichte des neuen Küchengartens - einfach auf das erste Bild klicken und durchscrollen! Im Grunde habe ich mit der Natur und vor allem mit der Zeit gearbeitet. Trotzdem staune ich selbst, dass so viel in so wenig Zeit mit relativ wenig Anstrengung entstanden ist.  Vor dem schweren Lehmboden habe ich mich ein bisschen gefürchtet, aber die Auswahl der Mulchmaterialien haben hier eine positive Wirkung gehaben. Es war nicht alles leicht; auch Hagel und Erdflöhe haben den neuen Küchengarten heuer besucht.



Auf dem Weg zu "Low-Input", Tirol 2020


Der erste Küchengarten in Tirol: 1000 qm in 10 Tagen ohne Umgraben

Im Aufbaujahr 2017 in Tirol, mein erster Marktgarten, wurden Dank viel Hilfe und Anstrengung die ersten 1000 qm innerhalb 10 Tagen aufgebaut. Die Geschichte ist in Bildern unten dokumentiert. Weil der Garten an einem Feld mit teils steiler Hanglage stand, wurden zunächst die Keylines nach der Permakultur mit einem einfachen, selbstgebauten Messinstrument ausgesteckt und die Blöcke markiert. Dem Bodenleben zuliebe wurde nicht umgegraben, nicht einmal am Beginn. Stattdessen baute ich die Beete auf, indem ich biologisch abbaubare Wellpappe auf der Wiese auslegte und Kompost darauf ausbreitete. Würmer fressen gerne den kohlenstoffreichen Karton und das absterbende Pflanzenmaterial. Dank ihrer fleißigen Mitarbeit wurden innerhalb weniger Wochen Karton und organisches Material zersetzt und nebenbei Luftkanäle von den Würmern gebaut. Das ist gut für das Bodenleben, denn auch unter der Erde atmen die unzähligen, unsichtbaren Lebewesen, die das unterirdische Ökosystem ausmachen.

 

Die Wege wurden mit Hackschnitzeln gemulcht. Diese Mulchlage war nicht nur angenehm für die Füße sondern Dank dem Kohlenstoff beförderte die Bildung von Mykorrhizae, Pilze, die unterirdisch in Symbiose mit Pflanzen leben und Nährstoffe direkt an die Wurzeln von Nutzpflanzen liefern. Im Gegenzug bekommen die Mykorrhizapilze auch Nährstoffe von den Pflanzen, die sie selber sonst nicht verarbeiten können. 

 

Die Dauerbeete, die in Mainstream Market Gardening verwendet werden, sind standardisiert auf 75 cm breit. In meinem Fall waren sie alle 15m lang mit 45 cm dazwischen. Die Standardisierung erleichtert die Planung. Die Breite ermöglicht eine biontensive Anbauweise sowie ergonomisches Arbeiten und passt zum gängigen Werkzeug für die Beetvorbereitung und Aussaat. Die Wege sind auf einer menschlichen Skala, breit genug für eine Schubkarre. Das ist auch wirtschaftlich wichtig: Biointensiv heißt, auf der gleichen Fläche bis zu 6 X mehr Ertrag als auf einem Feld, wo die Reihen von Traktor und Co bestimmt werden. 

 

Am 30. März 2017 wurden die ersten frühen Gemüsesorten wie Rohnen, Rüben, Blattsalat, Spinat, Rucola, Erbsen und Petersilie ausgesät.

Nach einem Aufenthalt im Ausland in April, wurde die Gärtnerin bei ihrer Rückkehr von einem Unkrautgarten begrüßt! Hartnäckige Wiesenpflanzen wie Löwenzahn, Wiesen-Bärenklau und Hahnenfuß sind durch die Schichten gewachsen und haben den Bioplastik (nie wieder!) zerfetzt. Die Lösung: Die Beete mit anwachsendem Gemüse wurden gejätet bzw. abgeerntet, der Rest wurde mit Bodengewebe bedeckt. Nach 4 Wochen konnten die Bereiche abgedeckt werden. Darunter waren "saubere" Beete für den Aussaat bzw. das Auspflanzen vom Sommergemüse. Auf gleicher Weise (die sogenannte "Okkultation", d.h. Verdunkelung) werden abgeerntete Beete bis zur nächsten Aussaat während der ganzen Saison vorbereitet. Es gibt an manchen Beete bis zu 4 Aussaattermine, grob nach dem phänologischen Kalender: Frühjahr, Frühsommer, Spätsommer und Herbst.

 

Auf gleicher Weise wurde die Anbaufläche auf 2000 qm im Gartenjahr 2018 verdoppelt.


Kultur-Hand-Werk

Dem Bodenleben zuliebe! Schonende Bearbeitung mit einfachen aber genialen Werkzeugen.
Dem Bodenleben zuliebe! Schonende Bearbeitung mit einfachen aber genialen Werkzeugen.

Genuss, Vielfalt, Einfachheit und Selbsterneuerung

Wie der Küchengarten in Tirol entstanden ist (März-Juni 2017)

Jänner - Mai 2018