Bio ist nicht gleich bio - und nicht unbedingt ökologisch

Schneckenvielfalt im Küchengarten
Schneckenvielfalt im Küchengarten

Langsam halte ich sie nicht aus, die Irrtümer, die im Alltagsdiskurs kursieren. "Bio" ist in aller Munde, ob seitens konventioneller Landwirte, die eine Praxis ohne synthetische Herbizide, Pestizide und Düngungsmittel sich nicht vorstellen können, oder seitens Journalisten und Blogger, die sich eigentlich nicht auskennen, Studienergebnisse zu Treibhausgasemissionen falsch interpretieren und naive Vorstellungen verbreiten. Dann gibt es auch die Interessensgruppen, ob Produzenten von Bioplastik, Labor-"Fleisch" oder "natürlicher Pflanzenschutzmittel", die Forschung finanzieren, Politik "beraten" und jegliche populäre Trends in ihre Richtung stillschweigend zelebrieren.

 

"Bio" ist nicht gleich "bio" - und auch nicht unbedingt ökologish im Sinne von naturfreundlich und förderlich für das Ökosystem. Manche Bio-Produzenten setzen ihre konventionelle Methoden fort, verzichten aber auf synthetische Mittel, um ungewollte Pflanzen und Insekten zu bekämpfen. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie ohne Gift arbeiten. Ein Beispiel ist Spinosad, unter dem Namen  SpinTor® für Landwirte und Hobby-Gärtner/innen im Handel leicht zugänglich und unter EU-Bio-Richtlinien zugelassen. 

 

Spinosad ist natürlich, das stimmt. Es enthält zwei Stoffe, die durch Fermentierungsprozesse von Bakterien gewonnen werden. Aber "natürlich produziert" bedeutet nicht, dass es ungiftig ist. Im Gegenteil, Spinosad wirkt wie Nervengas auf ein breites Spektrum von Insekten, viele davon Nützlinge. Studien haben auch belegt, dass die aktiven Substanzen in Ziegenmilch landen. Spinosad ist jedenfalls toxisch, die Frage ist wie toxisch. Viele Bemühungen gibt es, die Wirkung von Spinosad auf Honigbienen herunterzuspielen, und die Argumentation ist mit einer langen Kette an "wenn's" verknüpft: Wenn in niedrigen Dosierungen, wenn bei optimalen (trockenen) Wetterbedingungen, wenn zum richtigen Zeitpunkt am Tag - dann ist die Giftigkeit für Bienen und Bienenstöcke "unerheblich", was auch immer das bedeutet. Gefahrlos auf jeden Fall nicht.

 

Dann gibt es die gefürchteten Nacktschnecken, die zu der großen Familie der Weichtieren gehören. Sie naschen gerne unser Gemüse und wir wollen nicht unbedingt mit ihnen unsere Lebensmittel teilen. Lassen wir beiseite, dass Schnecken eine Aufgabe in der Natur haben, und zwar organisches Material aufzuräumen. Auch, dass sie Kot ausscheiden, genau wie Würmer und Spinnen, und Kot immer eine wichtige Funktion in Ökosystemen hat. Lassen wir auch beiseite, dass Nacktschnecken erst Pflanzen attackieren, die schwach, gestresst oder künstlich über Düngungscocktails ernährt sind. Schneckenkorn ist auch in der Bio-Landwirtschaft zugelassen, und zwar geht es um den Wirkstoff Eisenphosphat. Ähnlich wie bei Spinosad, begründet man die Zulassung und Anwendung damit, dass der Wirkstoff in der Natur in verschiedenen Mineralien vorkommt. Was man nicht erwähnt: tödlich ist der Stoff erst in Isolation, und zwar für sämtliche Schneckenarten, inklusiv die schwarz-gestreifte Tigerschnegel, die die Eier der Nacktschnecken frisst, oder Schnecken mit Häusern, wie etwa die Weinbergschnecke oder die Garten-Bänderschnecke (s. Bild oben).  Ja, Nacktschnecken wie die Spanische Wegschnecke oder die Genetzte Ackerschnecke können Schaden anrichten, gerade wenn das Ökosystem aus dem Gleichgewicht rät. Die Population von den genetzten Ackerschnecken wird zum Beispiel durch Nematoden unter Kontrolle gehalten. Phasmarhabditis hermaphrodita, die erwähnte Nematode, kann man auch bestellen und am Acker anwenden; Studien zeigten, dass sie dauerhaft im gesunden Boden mit viel organischem Material leben

 

Und das bringt mich zur "Öko-Landwirtschaft". Es wird immer mit Bio-Landwirtschaft gleich gestellt, auch wenn darauf hingewiesen wird, dass unterschiedliche Anforderungen für die Etiketten gelten. Man redet von "Biosiegel" und "Ökolabel", schaut aber nicht hin, für welche Standards sie stehen. Bioland und Demeter, zum Beispiel, lassen Spinosad nicht zu. Wer also sich Sorgen um Bienen, Insektenvielfalt und in Folge auch Vögeln macht, ist gut beraten, genau hinzuschauen. Aber wer nimmt Zeit, das zu tun? 

 

Über die Verwendung von giftigen Substanzen hinaus gibt es eine Menge an weiteren Fragen: Wie wird gedüngt? Wie wird mit dem Bodenleben umgegangen? Unter welchen Arbeitsbedingungen? Trägt die Praxis zu ökologischer Vielfalt und Ausgeglichenheit bei? Wird Kohlenstoff gespeichert? Mutterboden aufgebaut? Diese Fragen wären auch nicht schwer zu beantworten. Aufbau von fruchtbarem Boden, ökologische Vielfalt und Ausgeglichenheit sind leicht zu dokumentieren, indem man ordentliche Bodenanalysen von biologischen Faktoren macht und regelmäßige Inventare von biologischer Vielfalt in landwirtschaftlich genützte Lebensräume dokumentiert. 

 

Merken Sie die Sprache hier? Ackerland, wo "Schädlinge" "bekämpft" werden müssen ist eine andere Sicht- und Denkweise als "landwirtschaftlich genützte Lebensräume". Jedes Ackerland ist letztendlich ein natürlicher Lebensraum, wie ich es sehe. Die Frage ist, wie gesund und vielfältig bewohnt der Lebensraum ist. Werden Kulturpflanzen künstlich am Leben gehalten, weil Boden (und höchstwahrscheinlich auch Mensch) ausgebeutet sind, oder trägt die Praxis zur Vielfalt und Fruchtbarkeit bei?

 

Das größte Problem für Konsumenten heutzutage ist Distanz und Vertrauen, so regenerativer Landwirt Joel Salatin in seinem Blog. Ich stimme ihm auch zu. Je weiter ich von den Produzenten bin, desto weniger kann ich vertrauen, denn Vertrauen setzt Beziehung voraus. Das ist der Preis von Bequemlichkeit, Auswahl und internationalem Handel von Lebensmitteln. Dort, wo die Beziehung schwach oder nicht existent ist, steht ein Siegel als Qualitätszeichen. So sind heutzutage Konsumenten in Beziehung zu Zertifizierungsstellen, einer dritten Partei. Wenn ihre Markenentwicklung erfolgreich ist, bekommen sie einen Vertrauensvorschuss. Der Konsument fühlt sich entlastet und muss sich nicht mühsam über die genauen Standards informieren - wie genau das Huhn gelebt hat, in welchem Boden die Karotte gewachsen ist oder womit das Schwein gefüttert wurde. Letztendlich ist bio öko und öko bio, oder? 

 

Der Bauer und die Bäuerin sind weit weg, gesichts- und namenslos. Sie stehen zu ihren Produkten, unter Umständen stellen sie höhere Standards als ein Siegel auf. Das wissen wir aber nicht, weil wir mit ihnen nicht im Kontakt sind.  Transparenz fehlt, Unterscheidung in Qualität wird mit einem Etikett erschwert. Die Zeiten sind nun vorbei, dass Landwirte mit ihrem Namen Qualität sichern. Ich finde, ein bisschen Ehre und Würde geht dabei auch verloren.

 

(Und ja, ich stehe mit meinem Namen als Qualitätssiegel für Gemüse und Kräuter aus dem Küchengarten am Hattingerberg. Wer sich selbst ein Bild machen will, kann sich hier auf der Website, auf Sozialmedien oder vorort informieren.)

 

 

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