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Insektenvielfalt

 

Ein aktueller Artikel im Journal "Biological Conservation" sorgt derzeit für Aufregung. Es geht um eine Analyse von 73 internationalen Insektenstudien, die in den europäischen Medien Aufmerksamkeit bekommt. Leider hat ORF die Berichterstattung von The Guardian einfach als Basis genützt, samt sensationellen Schlagzeilen. Weil ich die Schlagzeilen als Verzerrung der Publikation sehe, fühle ich mich bewegt,  „meinen Senf dazu" zu geben.

 

Dass Insekten weniger werden, nehmen wir bei jedem Motorradausflug wahr. In den letzten Jahren bleiben unsere Brillen und Helme auch im Hochsommer relativ sauber. Das ist angenehm, wenn man mit offenem Helm fährt, ist aber weniger erfreulich, wenn man das größere Bild – das Ökosystem - mitdenkt. Auf einer England-Reise im vergangenen Juni erzählte mein Mann, es sei "wie früher" in Europa; dort musste er Brille und Helm oft putzen. Wir haben darüber nachgedacht, warum die britischen Inseln noch viele Insekten haben. Das Thema ist immer wieder unter Motorradfreunden im Gespräch.

 

Nun zu der Publikation, die Schlagzeilen genießt: Wenn man zur Quelle geht und die Zusammenfassung des Artikels liest, erfährt man, dass es sich auch um einen Rückgang von Wasserinsekten handelt. Die Autoren identifizieren drei Treiber für den Rückgang: Verlust des Lebensraums, landwirtschaftliche Pestizide in "intensiver" Landwirtschaft und Urbanisierung. Sie zeigen den Finger auf "intensive" Landwirtschaft und  weisen auf die Reduzierung von Pestiziden als eine mögliche Lösung hin. Das stimme ich zu, und zwar für alle Pestizide, einschließlich diejenigen, die im Rahmen von Bio-Zertifizierung erlaubt sind. Was ich aber auch im Blick haben will: Urbanisierung und die damit verbundene Asphaltierung der Umwelt, oft für sinnlose Einkaufszentren am Stadtrand oder etwa – und jetzt wird’s heikel – Fahrradwege, die nicht selten zur "Aufwertung" der Region für Tourismus gebaut werden.

 

Ich habe dieses Phänomen in Frankreich beobachtet, wo eigentümliche gesetzliche Regelungen "Entwickler" oder Interessensgruppen bzw. die Politik ermöglicht, landwirtschaftliche Flächen im Grunde von Landwirten zu stehlen. Ich habe auch neue asphaltierte Wege für das Freizeitradeln auf dem Land beobachtet; es war ja "bloß landwirtschaftlicher Boden", so die Aussage eine Politikerin. In einem Fall zahlte der Gemeinderat den Bauern 1/5 des Wertes, um eine lange Strecke am Straßenrand für einen asphaltierten Fahrradweg "im Interesse der Gemeinde" in Anspruch zu nehmen. Dabei zerstörten sie hunderte Meter von uralten Hecken, die nicht nur einen historischen Wert hatten sondern ein Lebensraum für Insekten und Co waren. Auch das Drainage-System wurde zerstört, mit dem Ergebnis, dass die Felder für die Bauern jetzt Probleme sind. (Ich habe übrigens auf diesen Wegen kein einziges Fahrrad gesehen. Anscheinend sind sie für Sommertouristen und neue Bewohner, die ihre Sommerhäuser dort haben und nebenbei die Immobilienpreise für Einheimischen unerschwindlich machen.)

 

Auf den (provozierenden) Punkt gebracht: Sportliche, Schönwetter-Typen, die ihren Traum vom Landleben verwirklichen, sind auch für den Rückgang der Insekten in Europa verantwortlich.

 

Auf diese "Entwicklung" - sei es zugunsten von Shopping oder Tourismus oder Stadtleben - muss ebenso hingewiesen werden wie auf die Verwendung von Pestiziden, ob organisch oder synthetisch. Das ist aus der Zusammenfassung der zitierten Publikation klar, auch wenn es bloß den Hausverstand bestätigt. Je älter ich werde, desto ungeduldiger werde ich mit Oberflächlichkeit und schnelle Schlussfolgerungen. Die Suche nach Radwegen und den Kauf in glitzernden Bio-Supermärkte am Stadtrand ist eine beliebte Sache bei umweltbewussten Typen, die stolz Umwelt-Slogans auf Bio-Baumwoll-T-Shirts tragen (Umweltkosten von Baumwolle und Ausbeutung von Menschen vom „bio“-Etikett verdeckt). Es ärgert mich, diese Scheinheiligkeit. In der Soziologie hat man einen Fachbegriff dafür: „value-signalling“. Energie wird in die Selbststilisierung investiert, Hauptsache Werte signalisieren . „Ich bin gut“ ist die Botschaft. Die Werte zu leben und verwirklichen ist weniger im Blick. Noch schlimmer: Man meint irrtümlich, dass dieses Signalisieren die Verwirklichung der lieb gehaltenen Werte darstellt, weil man die Zusammenhänge nicht kennt. Genau damit spielen die Medien mit Schlagzeilen, die diese Werte ansprechen.

 

Vielmehr ist (mit-)denken angesagt. Ich weiß, Denken und Sich-Informieren ist mühsam, es ist aber der einzige Weg zu gut begründbaren Entscheidungen zu kommen. Stattdessen kaufen sich heutzutage viele Menschen ein gutes Gewissen. Sie meinen, ihr Beitrag ist „bio“ zu kaufen, ohne Kenntnisse darüber, das „bio“ auch Monokultur, Zerstörung von Lebensräumen und Boden, Freisetzen von Kohlenstoff und Gifte für Lebewesen bedeuten kann. Zugleich muss das Gemüse auch noch frei von Löchern sein – die Spuren von "Gruseliges" auf den Lebensmitteln will man nicht haben. Und egal zu welcher Jahreszeit, Verbraucher wollen das ganze Jahr über alles zur Verfügung haben – Avocados, die nicht heimisch sind, oder Tomaten, die lange Transportwege hinter sich haben und meist von ausgebeuteten Arbeiter geerntet wurden. Am Liebsten alles an einem Standort, wo es genug Parkplätze gibt, weil man ja keine Zeit hat, zu Produzenten direkt zu fahren.

 

Mir ist klar, dass ich hier ein bisschen überspitze und stereotypisiere, aber es ist ein Muster, das ich häufiger und häufiger wahrnehme. Ich werde zunehmend sensibilisiert und, ehrlich gesagt, es regt mich auf. Wenn wir uns um Insekten kümmern, müssen wir Löcher im Gemüse als Lebenszeichen betrachten und natürliche Lebensräume und Ackerland bewahren. Das bedeutet, wir müssen auf Annehmlichkeiten wie Einkaufszentren und asphaltierte Wege ein bisschen verzichten und die Kosten von Infrastruktur für Freizeitaktivitäten und Tourismus mitdenken. Auch Vergnügen in der Natur trägt mit sich Kosten für die Natur. Vor allem aber müssen wir uns mit der Kraft unseres Geldes und den Auswirkungen unserer (Kauf-)Entscheidungen auseinander setzen. Bloß Symbole für das, was mir wichtig ist, zu kaufen, ist nicht nur verschwenderisch und unachtsam, es trägt zu dem bei, was man vermeiden will. Anders gesagt: Mit dem Kauf von „Bio“-Produkten darf man sich nicht einbilden, dass man ein reines Gewissen mitkauft.

 

Mein Beitrag? Es gibt viele in meiner persönlichen Lebensführung, von Verzicht auf Feel-Good-Shopping und nicht saisonales Gemüse bis hin zu Zeit nehmen, um bei lokalen Produzenten einzukaufen und Wintervorrat vorzubereiten. Ich bleibe aber beim Küchengarten: In nur zwei Jahren habe ich eine Zunahme der Insektenvielfalt am Feld beobachtet. Einige der neuen Bewohner sind als gefährdet eingestuft, von dem Schwalbenschwanz-Schmetterling bis hin zu dem Trauer-Rosenkäfer (im Bild oben). Manche, wie der Trauer-Rosenkäfer, konkurrieren mit mir um Lebensmittel, die für uns Menschen bestimmt sind. Wir lernen miteinander auszukommen, zugegeben nicht immer friedlich. Wenn ich die Trauer-Rosenkäfer beim Fressen auf Zuckermais oder Zwiebelblüten erwische, schnippe ich sie weg. Fällt mir ein, Pestizide zu verwenden? Überhaupt nicht. Um die Fava-Bohnen letztes Jahr von Blattläusen zu retten, habe ich eine Mischung von Rapsöl und Wasser einmal gespritzt, ansonsten interveniere ich mit der Hand. Ich zerquetsche die Raupen von Kohlweißlingen mit bloßen Händen, ich tunke befallenen Blätter in Wassereimern, ich zerquetsche die Larven von Mai- und Juni-Käfer, wenn ich sie beim Ernten entdecke. Blaukorn habe ich sowieso nie verwendet, damit die Vielfalt an Schnecken und Tigerschnegel gedeiht, dafür gehe ich regelmäßig am Abend auf Schneckenjagd, wenn nötig. Auch „mechanischer“ Schutz kommt zum Einsatz, d.h. Vlies, um besonders anfällige Sorten von weißen Fliegen und Flohkäfer zu schützen. Von Naschlöchern besonders gefährdete Sorten wie Rucola baue ich primär im Herbst an, wenn es zu kalt für weiße Fliegen und Flohkäfer ist. Deswegen ist bei mir makellose Rucola nur im September und Oktober erhältlich. Natürlich eben.

 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Gregor (Samstag, 16 Februar 2019 14:01)

    Der unbekannte Käfer, ist ein Laufkäfer (Carabus cancellatus). Lg

  • #2

    Tanja (Samstag, 16 Februar 2019 14:11)

    Vielen Dank, Gregor! �