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Saatgut und Freiheit

Selbst-ausgesäte Römersalatsorte "Forellenschluss" keimen zwischen Radieschen
Selbst-ausgesäte Römersalatsorte "Forellenschluss" keimen zwischen Radieschen

Letzte Woche hatte ich eine schöne Begegnung mit einer alten Dame voller Lebenskraft.  "Das tue ich mir nicht mehr an!" lachte sie, als sie von ihrem großen Gemüsegarten erzählte, der nun zur Blumenwiese den Bienen zuliebe umwandelt wurde.  Heuer hat sie ein Hochbeet und hatte gerade eben Jungpflanzen von der Gärtnerei geholt. Sie erzählte begeistert von ihrer Auswahl, voller Vorfreude: Eine neue Salatsorte, die man Blatt für Blatt ernten kann! Und noch dazu eine "Bodendecker-Tomate"! Aus Neugier fragte ich, ob ich die Pflanzen anschauen konnte.

 

Wir gingen zum Auto und sie machte den Kofferraum begeistert auf. Darin waren die Lieblinge, alle schön etikettiert, Verkaufsargumente in die Bezeichnungen integriert. Ich bewunderte ihren Einkauf und wünschte ihr vom Herzen viel Spaß und Erfolg mit dem neuen Hochbeet.

 

Ich wollte sie nicht ent-täuschen aber sie wurde getäuscht, und zwar von Hype.

 

Erstens, Blattsalatsorten sind nicht neu und man kann sie lang von unten nach oben ernten.  Solange sie nicht bitter werden, lasse ich sie in die Höhe wachsen und ernte alle paar Tage. Längere Ernte, weniger Aussaat. Vielleicht hat diese Dame bisher nur Kopfsalat gekannt? Aber mehr zum Salat-Hype später.

 

Zweitens, alle Tomaten sind Bodendecker, wenn sie am Boden wachsen dürfen. Ich kenne keine andere Gemüsepflanze, die sich so gerne ausbreitet und beim Kontakt mit der Erde sofort Wurzeln schlägt. Natürlich sind manche Sorten mehr oder weniger dafür geeignet, denn Kontakt mit der Erde erhöht die Gefahr von Kraut- und Braunfäule, verursacht von Pilze, die über feuchte Blätter die Pflanze infizieren. Also, die Sorte war eine besonders resistente Sorte, die für den Freilandanbau geeignet ist. "Bodendecker" ist aber keine Kategorie von Tomaten und das weiß die Gärtnerei. Grundsätzlich gibt es zwei Arten: bestimmte und unbestimmte, d.h. in einem kurzen Zeitraum oder über einen längeren Zeitraum abreifend. Tomaten werden in vier Kategorien eingeteilt: Kirschtomaten, mittelgroße Tomaten, Eiertomaten und Fleischtomaten. 

 

Es herrscht derzeit viel Hype in der Gemüsewelt, gerade jetzt, wo das "Gärteln" populär ist.  Manche Gärtnereien nützen das aus, aber auch manche Züchter. Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese alte Dame die Gartenwelt als Kind anders erlebte, und zwar damals als der eigene Gemüsegarten für die Selbstversorgung wichtig war und überwiegend Samen vom letzten Jahr bzw. im Tausch mit Nachbaren eingesetzt wurden.

 

Der Gemüsegarten wurde früher genau beobachtet. Unter anderem entdeckten Menschen in Europa über die Jahren, dass Tomaten besser unter trockenen Bedingungen gedeihen. Das ist letztendlich wie es in ihrer Heimat in Süd- und Zentralamerika war, als die Inkas und Azteken 200 Jahrhundert vor Christus die kostbaren Beeren anbauten. So kamen Tomatenhäuser zum Einsatz, Mini-Versionen von den großen Treibhäusern, wo Tomaten im großen Stil angebaut werden. Der Anbau im großen Stil führt heutzutage zu rasanten Entwicklungen, die nicht immer positiv sind. Tomaten werden dezidiert für den Anbau im Glashaus gezüchtet und als solche empfohlen. Diese haben meist eine dicke Haut und sind damit transportfähiger; sie zeichnen sich durch uniforme Größe und Farbe aus. Wenn sie traubenartig Früchte bilden, dann müssen alle gleichzeitig und gleichmäßig abreifen. Darauf legt der Handel wert, weil Traubentomaten sich gut verkaufen.  Und weil sie effizienter zum Ernten sind. Also, die Kriterien bestimmen die Züchtung durch Selektion: Transportfähigkeit, Gleichmäßigkeit, Ertrag.

 

Nun zurück zum Salat. Ich spreche hier etwas an, dass unter Marktgärtner/innen wie ich ein heißes Thema ist: die Salatzüchtungen unter dem Markenzeichen Salanova®. Seit einigen Jahren in Nordamerika ein absoluter Hit, kommen nun Salanova®-Sorten in Österreich in den Handel, sowohl in Supermarktketten wie Hofer als auch in Gärtnereien als Jungpflanzen. Auch Gemüsebauer verkaufen plötzlich nicht nur Blattsalat (was die Sorten sind) sondern "Salanova". Mehr Hype geht nicht bei dem Salanova®-Phänomen, Dank kluger Markenentwicklung seitens der Firma Rjik Zwaan Zaadteelt, die diese Blattsalatsorten gezüchtet und im März 2018 sogar Patente dafür von dem Europäischen Patentamt erteilt bekommen hat.

 

Auch wenn die Gärtnereien, Bauern und Supermarktketten schlampig sind, ist das "®" genau genommen rechtlich Pflicht bei der Bezeichnung. Der Salat - d.h. die Samen und Pflanzen - gehören nun der Firma Rjik Zwaan Zaadteelt. Auch wenn Nahrungsmittel in der EU angeblich nicht patentiert werden können, gibt es scheinbar Ausnahmen. Vielleicht war das auffällige Wohlwollen der Firma BASF hilfreich?

 

Warum lehne ich Patente an Gemüse ab? Weil sie nicht vermehrt werden können. Wenn ich solche Sorten anbauen und Samen bilden lassen würde, wäre das eine Verletzung des Patents, d.h. illegal. Die Bäuerin wird kriminalisiert und zwar für natürliche Prozesse. Das Argument von Firmen wie Bayer, BASF und Rjik Zwaan Zaadteelt? Es kostet viel Zeit und Arbeit, neue Sorten zu entwickeln. Na, und? Das ist nicht neu, denn die herkömmlich Züchtung durch Selektion von Pflanzen mit besonders guten Eigenschaften ist eine uralte, kulturelle Praxis, die seit unserem Beginn im Ackerbau getätigt wurde und wird. Gerade Salat ist Dank der Züchtung in Altägypten.

 

Deshalb gibt es viel Aufruhr über Patente auf Pflanzen unter Menschen und Organisation, die Wert auf Lebensmittelfreiheit legen. (Ich gehöre übrigens dazu.) Zum Beispiel, bei Arche Noah. "No Patent on Seeds!" legt Einspruch auf Patent auf Salat ein. Sie weisen darauf hin, dass Salanova®  nach herkömmlichen Methoden gezüchtet wurde, d.h. Selektionsprozesse orientiert an Mehltauresistenz, Struktur und Hitzebeständigkeit. Solche Eigenschaften erweisen auch alte oder wilde Salatsorten. Letztendlich gab es keine Salanova®-Sorten ohne bereits existierende Blattsalatsorten! Wo hört die Urheberschaft überhaupt aus? Was ist mit den Züchtern, die seit Jahrhunderten zu Salanova®-Sorten beigetragen haben?

 

Patente dafür einzuräumen ist nicht nur anmaßend sondern gefährdet die Lebensmittelfreiheit. Und die alte Dame, die sich auf ihr Blattsalat freut? Theoretisch, könnte sie sich zu den alten Methoden zurückgreifen, Samen bilden lassen und sich dabei zur Verbrecherin machen. Auch wenn kein Kläger ihr verfolgt, es geht mir um das Prinzip.

 

Salanova® (der "schmackhafter ein-Schnitt-fertig Salat") wurde zum Hit in Nordamerika (USA, das Land von "faster and cheaper"), weil es die Herstellung von Salatmischungen bzw. die Verarbeitung in der Küche erleichtert. Mit einem Schnitt - wofür es sogar ein eigenes Werkzeug gibt - fallen alle Blätter weg. Instant Salad Mix! Natürlich auch Mehltauresistenz und Hitzebeständigkeit sind für den Anbau interessant, auch ganzjährig in Treibhäusern. Und natürlich sind die Samen teuer, weil die Firma Rjik Zwaan Zaadteelt ein Monopol hat.  Was mich langsam wirklich irritiert ist die Gefahr, dass die Sortenvielfalt noch mehr reduziert wird, weil Salanova® zum trendigen Designer-Salat wird und der Anbau von anderen, samenfesten, freien Sorten weiter einschränkt, als derzeit der Fall.

 

Es gibt andere Firmen und Organisation, die besonders robuste Salatsorten züchten, ohne Anspruch auf Patent. Ein gutes Beispiel ist die Firma Sativa Rheinau. Sie entwickeln unter anderem samenfeste Zuckermaissorten, die ich anbaue, und sind dabei, neue Salatsorten zu entwickeln. Nach jahrelanger Selektion, ist es soweit, diese neuen Sorten zu testen. Ich beteilige mich am Test im Netzwerk "Mit vereinten Gärten" und freue mich auf das Potenzial. Ob Sativa Rheinau mit dem Marketingbudget von Salanova® konkurrieren kann wird sich zeigen. Es hängt von Bauern und Gärtnereien jedenfalls ab.

 

Vor allem freue ich mich auf alle samenfesten Sorten, die sich im Küchengarten zum Teil selber vermehren: die alte österreichische Römersalatsorte 'Forellenschluss', die wunderschöne Eisbergsorte 'Rossia', mehrere Blattsalatsorten wie 'Eichblatt' in grün und rot, Spargelsalat aus China, Römersalat 'Parris Island', und und und.  Über die Jahre werden sie sich gut an dem Kontext am Hattingerberg auf 850 meter in den Tiroler Alpen anpassen. Keine Firma kann für diese einzigartigen Bedingungen die ideale Salatsorte entwickeln, sondern nur die Natur. Mit Zugang für alle. Und mit Dank an die uralten Kulturen, die mit der Selektion bereits vor Christus begonnen haben.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    waal (Sonntag, 28 April 2019 22:19)

    Das erklärt viel, danke für die info!