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Vom Wert-Einschätzen: Vergleich von Äpfeln und Birnen

Beispiel eines kleinen Gemüse-Abos unten links: gelbe Bete "Boldor" mit Blättern, Paprika "Poblano", Kartoffelvielfalt, aromatische Petersilie, Fisolen "Cobra" mit Bohnenkraut, Zucchini, Zwiebel "Dakota Tear", Radieschen "French Breakfast"
Beispiel eines kleinen Gemüse-Abos unten links: gelbe Bete "Boldor" mit Blättern, Paprika "Poblano", Kartoffelvielfalt, aromatische Petersilie, Fisolen "Cobra" mit Bohnenkraut, Zucchini, Zwiebel "Dakota Tear", Radieschen "French Breakfast"

Gemüse anzubauen ist gar nicht so schwer. Größere Mengen sind natürlich eine Herausforderung und natürliche Ereignisse wie Hagel oder Engerlinge sind kostenspielig und frustrierend. Trotz allem, der Anbau ist nicht die größte Herausforderung sondern vielmehr die Einschätzung vom Wert der Produkte.

 

Preise zu bestimmen ist an und für sich eine einfache mathematische Übung: Kosten von Fläche, Samen/Setzlinge, Arbeitsstunden, Lieferkosten und Anteil von Fixkosten addieren, durch Ertrag bzw. Zahl der Einheiten dividieren. Wenn Gewinn auch gewünscht ist, dann die Einheitskosten mit der Gewinnspanne multiplizieren und dazu geben. (Ok, diese Kalkulation ist hier sehr vereinfacht, aber im Grunde ist es keine komplexe Wissenschaft.) Das ist der Bottom-Up Zugang, von Kosten zum Endpreis, für eine Ernte. Wir blenden dabei die Frage von Verlust aus, weil das üblicherweise von der Bäuerin getragen wird.

 

Jenseits von realen Kosten stellt sich auch die Frage, was der Wert am Markt ist. Raritäten bekommen meist einen hohen Preis, aber die Unterscheidung zwischen Radieschen, Tomaten und Co ist ohne Wissen und Erfahrung sehr schwierig. Nach Anbaumethode und Fair Trade zu unterscheiden ist überhaupt nicht möglich, weil diese Faktoren in üblichen Handelsketten selten transparent sind. Am meisten irritierend ist aber, dass gerade Gemüse zu Dumping-Preise beworben wird.

 

Mein Küchengarten ist mehr als bloß ein Projekt sondern mein Einkommen und somit ein Betrieb. Vom Beginn an war meine Zielgruppe für mich klar: Foodies  wie ich und anspruchsvolle Köche und Köchinnen. Ich baue das an, was ich sonst nicht bekommen kann; Geschmack und Frische haben oberste Priorität. Die Vielfalt ist deswegen erstaunlich für so eine kleine Anbaufläche. Noch dazu habe ich mich nachhaltigen Anbaumethoden über "bio" hinaus, samenfesten Sorten und gerechtem Lohn (Schmerzgrenze €15/Stunde brutto) verpflichtet. Das ist eine lange Kette an Entscheidungen, die für mich Wert schöpft. 

 

Wenn jemand sich beklagt, dass die Quantität bzw. Preis nicht stimmt, nehme ich es trotzdem ernst. Letztendlich kaufe ich selten Gemüse im Supermarkt; seit März war ich nie in einer Gemüseabteilung! Also, ich habe im August einen Preisvergleich in drei zufällig ausgewählte Supermärkte (d.h. auf meinem Weg zwischen Telfs und Inzing) Gemüse gekauft. Die Spielregeln dienten dem fairen Vergleich: ausschließlich bio-zertifiziert, möglichst regional, möglichst vergleichbare Gemüsesorten. Budget pro Einkauf: €15,- (entspricht einem kleinen Gemüse-Abo)

 

Vorab: Mir geht es hier nicht um die Marken und Supermärkte. Mir geht es um meine eigene Sensibilisierung für Preis-Leistungsverhältnisse. 
Das Ergebnis war augenöffnend:

  • Quantität bzw. Menge war vergleichbar
  • Frische war meist akzeptabel, wobei zwei Beispiele bereits beim Kaufen für mich unakzeptabel waren, eine Gurke und ein Zucchini waren am nächsten Tag nicht mehr genießbar
  • Geschmack war in Ordnung, allerdings nichts, das begeistert
  • Vielfalt war sehr bedürftig, viele Arten und keine einzige Sorte, die ich anbaue, waren zur Verfügung (Rohnen, farbenfrohe Karotten, zarter Spitzkohl, usw.)
  • "Basics" in der Küche, wie Jungzwiebeln oder Bohnen, waren in Bio-Qualität nicht zur Verfügung, Bio-Frühkartoffeln aus Österreich gab es bei nur einem Supermarkt
  • frische Bio-Kräuter gab es keine, mit Ausnahme einer Basilikum-Pflanze der gewöhnlichen Sorte "Genovese"
  • Verpackung war teilweise extrem, gerade Plastik, wo gar nicht nötig
  • Verschwendung war zum Teil überraschend, insbesondere beim Lagergemüse (Lauch und Fenchel)
  • komplett regional war nirgendswo möglich, bei einem Supermarkt gab es nichts aus Tirol; die meisten österreichischen Bio-Produkte waren aus Burgenland und Niederösterreich, wobei eine Kette hatte Dank einer regionalen Bio-Marke ganz viel aus Tirol
  • Preise für Nicht-Bio-Produkte waren  schockierend niedrig und ein klarer Hinweis auf Ausbeutung, Billiglohn-Strategien und Preisdruck auf Produzenten

Insgesamt war die Erfahrung sehr lehrreich. Ich fühlte mich überraschend bestätigt in meinen Entscheidungen über Sorten, Anbaumethode, Verpackung, Lieferung, Menge. Mir ist bewusst geworden, dass bei mir Kunden viel Positives über Geschmack, Frische und Vielfalt hinaus einkaufen: Nachhaltigkeit, ein minimaler Ökofußabdruck, bio-plus Qualität, Farbe, Nahrhaftigkeit, Haltbarkeit.  Anders gesagt, man bejaht viel, wenn man nicht nur von der Idee des Küchengartens überzeugt ist sondern auch die Produkte kauft. Mir ist klar, dass Gemüseraritäten nicht wie Diamanten zu werten sind, aber kostbar sind sie doch, die Kräuter, Salatsorten, farbenfrohe Kartoffeln.  Ob das Betriebsmodell des Küchengartens nachhaltig ist wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Die Produkte sind jedenfalls unvergleichbar und für die vielen gleichgesinnten Kunden bin ich sehr dankbar.

 

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