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Learning by Doing: Gartenpraxis als Antwortgeschehen

Es ist Kary Wilhem gelungen, die hohe Konzentration bei der Gartenarbeit zu erfassen - mein Lieblingsphoto von 2017!
Es ist Kary Wilhem gelungen, die hohe Konzentration bei der Gartenarbeit zu erfassen - mein Lieblingsphoto von 2017!

Erlauben Sie mir, philosophisch zu werden. Das passiert mir oft, nicht zuletzt weil ich mich einige Jahre philosophisch-wissenschaftlich mit den Themen Lernen und Praxis auseinander gesetzt habe. Mein Zugang war die Phänomenologie, die Philosophie der Erfahrung, und mein Fokus lag auf der Erfahrung des Lernens, insbesondere wie wir durch Üben lernen. Das führte mich zum Thema Praxis und wie wir Menschen eine Praxis erlernen bzw. praktizieren. Es gibt sogar eine Dissertation darüber, die in einer Schublade liegt.  Ob Kranarbeit, Forschung, Lehren, Kochen, Schreiben, Angeln, Geschenke-Verpacken, Zähne-Putzen, Metallverarbeitung, Billiard-Spielen, ... alles ist Praxis. Expertise zu erlangen setzt viel Lernen-im-Tun voraus, und je mehr Könnerschaft und Wissen der Praktizierende hat, desto weniger kann er darüber sagen. Das Wissen, die Fertigkeiten, sind "einverleibt", ein Teil von ihm. So bin ich zum Schluss gekommen, dass Lernen nur in der Praxis gelingt, weil so wenig in Sprache übersetzt werden kann. In dieser Hinsicht liegt meine wissenschaftliche Arbeit doch nicht in der Schublade sondern lebt in meinem Herzen und begleitet mich weiterhin.

 

Verstehen Sie mich nicht falsch. Theorie und Praxis bedingen einander. Wenn sie gegeneinander ausgespielt werden, geht in mir die Galle hoch. Allzu oft bedeutet "Ich bin Praktikerin" eigentlich "Belästige mich nicht mit Denken." Das ist schlechthin nicht gut genug. Erstens, hinter jeder Handlung steht eine Theorie, ob bewusst oder unbewusst. Wenn sie unbewusst ist, werden wir von einer Theorie gesteuert statt uns selbst zu bestimmen.  Zweitens, Praxis ohne Denken wird nie erfolgreich sein, und auch nie sinnstiftend. Wer will nicht möglichst wissend handeln? Denn genau das ist der ursprüngliche Sinn von Lernen in der deutschen Sprache - Wissend-Werden. Intuition, Gespür, Gefühl entwickeln sich mit Expertise, dem stillschweigenden Wissen, das jeder Handlung zugrunde liegt. Vielleicht noch wichtiger ist es, dass man ohne Theorie und Wissen nicht in der Lage ist, sich zu positionieren. Wenn ich Stellung nicht nehmen kann, bin ich bodenlos und kann die grundlegende Frage kaum beantworten: Warum tue ich das, was ich tue, wie ich es tue? Das ist die Sinnfrage im Leben und in jeder Praxis: Warum? Sie fragt nach Gründe und fordert uns heraus, unser Tun zu begründen, uns selbst Grund zu geben, uns Boden unter den Füßen zu sichern, boden-ständig zu sein.

 

Dank meiner Lebensentscheidung, mich dem Gemüseanbau in der letzten Phase meines Berufslebens zu widmen, bin ich nun in einer faszinierenden Praxiswelt, der Welt des Küchengartens. Bevor ich mit dem Ackerbau in 2017 begann, wollte ich mich fundieren, mir ein Fundament geben, und habe mich intensiv gebildet - Bücher gelesen, Videos geschaut, wissenschaftliche Erkenntnisse recherchiert, mich mit anderen ausgetauscht, reflektiert. Will ich Gemüse wie in meiner Jugend auf der Farm in Wisconsin anbauen? Ist diese vertraute Praxis jetzt noch sinnvoll? Die Antwort war eindeutig nein, aus mehreren Gründen, vor allem zwei: es wäre aus Kostengründen (Maschinen, Chemikalien, Flächenbedarf, usw.) nicht machtbar gewesen und nicht im Einklang mit den Werten, die ich verwirklichen wollte.

 

Gerade Gartenpraxis ist besonders heimtückisch, weil es oft unhinterfragt geerbt und angenommen wird. Unbewusste Annahmen werden damit zu unbewussten Theorien, die unser Tun bestimmen. Das sehe ich im Bereich Gemüseanbau nicht nur bei alten Menschen, die alte Methoden beibehalten, sondern auch in Zier-, Schul- und Gemeinschaftsgärten, sogar in der professionellen Bio-Landwirtschaft. Bloß aus Gewohnheit oder Vertrautheit eine Praxis fortzusetzen ist aus meiner Sicht unverantwortlich, denn wir vererben auch. Wir geben unser Tun und Wissen weiter. Die viel gepreiste Innovation lebt von der Weiterentwicklung einer geerbten Praxis, denn wahrhaft neue Entdeckungen sind selten. (Vielleicht vor circa 100 Jahren ist eine solche Entdeckung für die Gartenpraxis passiert: der österreich-ungarische Forscher Raoul Heinrich Francé hat das Wort "Edaphon" - das Bodenleben - geprägt und wissenschaftlich beforscht.) 

 

So viel zum Thema Lernen im Tun. Der zweite Titel dieses Beitrags ist "Gartenpraxis als Antwortgeschehen". Was ich mit diesem philosophisch-wissenschaftlichen Wort meine ist Folgendes: Ein Ort wie mein Küchengarten ist lebendig, stets in Wandlung. Jeden Tag (und jede Nacht) geschieht sehr viel und jede von den unzähligen Situationen ist einzigartig und einmalig. Was passiert mit dieser Sorte an dieser Stelle in dieser Nachbarschaft in diesem Moment? Was sagt es mir und wie, wenn überhaupt, soll ich am besten antworten? Der Küchengarten als Gesamtes ist kontextspezifisch aber auch jede einzelne Sorte ist in einem spezifischen Kontext. Rucola am Rande von Bodengewebe im Frühjahr verhält sich anders als Rucola im Folientunnel im Herbst. Mairüben, die ich in einer Reihe aussäte, verhalten sich anders als mitten in der Wiese, wo sie sich selbst aussäten. Rahmenbedingungen begünstigen oder verhindern die Entwicklung einer Pflanze. Diese kann man auf Zeit, Raum und Wesen reduzieren: Wann in der Saison? In welchem Mikroklima? Und im Sinne von Naturwesen, "wer" spielt mit?  Gerade die Lebewesen, ob unsichtbare Mikroorganismen und Pilze im Boden oder oberirdische Pflanzen und Tiere, sind extrem dynamisch und in Beziehung miteinander. Von heute auf morgen können Wildbienen oder Kartoffelkäfer auftauchen, Zeigerpflanzen wie Brennessel oder Hahnenfuß, Pilze wie Mehltau oder Vogelnest. Auf sie zu antworten ist die Kernaufgabe, auch wenn die Antwort keine Handlung ist.

 

Den Gartenkontext zu kennen und stets zu beobachten ist eigentlich das Wichtigste, was ich in meiner Praxis tue. Die Entscheidungen über Methoden, Werkzeugen, Prinzipien und Ziele sind getroffen. Durch diese von mir bestimmten Rahmenbedingungen ist ein Küchengarten mit 2.400 qm Anbaufläche entstanden. Im dritten Jahr ist der Küchengarten bereits eigenständig und selbstbestimmend geworden. Manches bleibt ausgeglichen, wie etwa Blattläuse, Ameisen und Maikäfer. Manche Dinge sind noch dabei, sich auszugleichen. Natürlich greife ich ein, wenn es Sinn macht oder sein muss, ob durch Bewässerung, Kompostzugabe, Jäten, Aussäen oder viele anderen Aufgaben. 

 

Letzte Saison, 2019, war im Küchengarten sehr ereignisreich und verschenkte mir viele wertvollen Erfahrungen, die weder geplant noch gewollt waren. Engerlinge vernichteten viel, am schlimmsten wo meine geplanten Sorten unkrautfrei gewachsen sind. Was lerne ich daraus? Franzosenkraut übernahm mehrere Beete, weil ein paar Pflanzen im Vorjahr Samen bilden konnten.  Flohkäfer tauchten erstmals auf, weil sie ihren Lieblingsfutter (Blattsenf) im Hochsommer entdeckten. Auf den alten Tomatensorten direkt im Weg des täglichen Fallwinds vom Berg breitete sich Braunfäule relativ früh aus. Das Lehrreichste waren aber die sechs Wochen, die ich wegen eines gebrochenen Fußes wenig am Feld war. Der Küchengarten hat natürlich weiter gelebt und gearbeitet. Nach einer kühlen, feuchten Phase im August sind selbst gesäten Sorten wie Feldsalat, Wintersalat und Blattsenf gesprossen. In vielen Bereichen haben sie die Wege zwischen den Beeten übernommen - dort, wo vor drei Jahren Hackschnitzel ausgebreitet wurde und inzwischen zersetzt und zum Teil des Bodens geworden ist. Es war eigentlich gut, dass ich nicht eingreifen konnte. Meine Antwort auf diese Ereignisse war ein Nicht-Antworten und der Garten zeigte mir, dass er gewissermaßen ein Eigenleben hat und sich selbst führen kann.

 

Wie wir auf Scheitern antworten ist in einer naturnahen Gartenpraxis ausschlaggebend. Ist Ungeplantes und Unkontrolliertes automatisch ein Scheitern? Zunehmend sehe ich solche Momente einfach als Geschehnisse, die zu einem hochkomplexen Ökosystem wie der Küchengarten gehören. Mein Repertoire an Antwortmöglichkeiten wächst stetig und trotzdem merke ich, dass oft das Nicht-Antworten, das Nicht-Handeln, sinnvoller ist.  Das bedeutet nicht, dass ich die Gartenpraxis romantisiere oder für eine Art Laissez Faire im Gartenanbau plädiere. Vielmehr ist es wie ein anstrengender Seiltanz, die Spannung zwischen Vertrauen und Angst, Tun und Nicht-Tun. Wahrscheinlich liegt die Kunst der Sache darin, so viel wie nötig und so wenig wie möglich einzugreifen - zumindest wenn man Wert auf Natur, Nachhaltigkeit, Gesundheit und Vielfalt legt.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Sue (Dienstag, 07 Januar 2020 08:06)

    Liebe Tanja,
    dein Text trifft die Verbindung vom Tun, dem Wissen über und dem Verstehen des Gartenbaus so, dass es eine grosse Freude war, deinen philosophischen Text zu lesen. Nach sieben Jahren Praxis habe ich darüber hinaus festgestellt, dass ein instinktives Tun entsteht - und es mir erst nachträglich bewusst wird, das richtige getan zu haben.
    Vielen Dank für Deine Zeilen!