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"Small is Beautiful": Die Prinzipien des Market Gardening nach Wolfgang Palme

Rot, gelb, weiß, geringelt, rund oder lang. Das ist die Vielfalt, die man in einem Market Garden findet - und das ist nur das Beispiel Rohnen bzw. Bete!

 

Ähnlich ob "Rohnen" oder "Bete" gibt es derzeit mehrere Begriffe für diese Art und Weise, Gemüse anzubauen. Als Englischsprachige in einem deutschsprachigen Kontext, vermeide ich den Ausdruck "Market Garden" und ziehe "Marktgarten" vor (ein Begriff, der früher in Deutschland gängig war), damit ich mit Anglizismen niemanden entfremde. Andere nennen diese Praxis "Gemüsegärtnerei" oder "Vielfaltsgärtnerei". Die letztere Bezeichnung gefällt mir sehr. Aber reden wir von der gleichen Sache? Wie viele gibt es von uns, die sich dieser Praxis verpflichtet haben? Unterscheidet sie sich überhaupt von der gängigen Praxis des Gemüseanbaus?

 

Es war also höchst an der Zeit, dass jemand die Sache klärt, und das hat Dipl.-Ing. Wolfgang Palme bei der Bionet-Gemüsetagung mit Fokus auf Market Gardening in Linz, Februar 2020, gemacht.

 

Wolfgang hat einen wissenschaftlichen Zugang, der mir sehr wichtig ist. Er lehrt an der HBLFA Schönbrunn und ist Abteilungsleiter. In dieser Funktion leitet er die Versuchsanlage Zinsenhof, wo viele Innovationen, Publikationen und internationale Vernetzungen entstehen. Auch die City Farm in Wien ist ein Projekt von ihm. Seit 10 Jahren beforscht er mit Leidenschaft die Winterernte von vielfältigen Gemüsesorten und lotet die Grenzen aus, inwieweit wir uns in Österreich ganzjährig mit gesunden, frischen Lebensmitteln versorgen können. Sein neuestes Buch "Ernte mich im Winter" ist ein praktisches, freudevolles Handbuch für Gärtner/innen, die die Lücken im Gartenjahr schließen wollen.

 

Es lag somit auf der Hand, dass Wolfgang den Auftaktvortrag bei Österreichs erste Konferenz zum Thema Market Gardening machte. Dank Urs Mauk wurde sein Vortrag mit dem Titel "Small is Beautiful" aufgenommen und ist auf YouTube. Seit dem Beginn im Küchengarten habe ich meine Praxis als "prinzipiengeleitet" beschrieben. Wolfgang hat für die im Saal gesammelten Gemüsegärtner/innen unsere Arbeit auf 7 Prinzipien verdichtet und dabei viel Resonanz ausgelöst. Ich möchte hier diese 7 Prinzipien und wie sie in meiner Praxis im Küchengarten gelebt werden erläutern.

 

KLEINSTRUKTURIERT (0,5-3 Hektar, kompakt angelegt)

Mein Küchengarten ist sogar unter dieser Grenze, auf einem Feld knapp unter einem halben Hektar; die reine Anbaufläche ist circa 2.400 qm. Wer den Garten kennt weiß, wie kompakt er angelegt ist, unterteilt in Blöcken mit 3-4 Meter Wege intakter Wiese. Schließlich ermöglicht mich die Kleinstrukturiertheit den Küchengarten allein als "one-woman show" zu machen. Dabei versuche ich, arbeitsintensive Kulturen im Zentrum zu planen, um Effizienz zu steigern. Wir Marktgärtner gehen zu Fuß und kurze Wege sind wichtig.

 

ECHT SAISONAL (jahreszeitlich wechselndes Sortiment, "Gärtnern im Wechsel der Jahreszeiten")

Wer in den Genuss von Gemüse und Kräutern aus dem Küchengarten kommt, lernt nebenbei und unweigerlich echte Saisonalität in den Tiroler Alpen. Vogerlsalat gibt es zwischen November und April, Erdbeere beginnen Ende Mai, erntereife Tomaten gibt es frühestens Mitte-Juli, Kerbel gibt es im Frühjahr und Herbst, die meisten Grünkohl-Sorten sind optimal nach dem ersten Frost. Ich persönlich esse auch saisonal, d.h. Erbsen im Juni, frische Tomaten Juli - Oktober, Spinat Oktober - Mai.  Das bedeutet für mich keine Verzicht, insofern dass ich in den Genuss von größtem Geschmack und optimalem Nährwert komme. Wer sich für Reifezeiten und Verfügbarkeit, d.h. echte Saisonalität in unserer Region, interessiert, kann sich die Tabelle hier anschauen. 

 

VIELFÄLTIG (ein breites Spektrum an Arten und Sorten)

Im Küchengarten gibt es über 400 Gemüsesorten und über 40 Kräuter. Viele Marktgärtner/innen legen Wert auf alten und/oder samenfesten Sorten. Wir müssen uns nicht nach den Kriterien Transportfähigkeit einschränken; vielmehr zählen Geschmack, Form und Farbe. Denn Vielfalt am Teller hängt von Vielfalt am Feld ab.

 

BIOLOGISCH (jenseits von Zertifizierung geht es um eine Grundgesinnung: ressourcenschonend, ökologisch-systemorientiert, regenerativ)

Von Beginn an strebte ich keine Zertifizierung an, einerseits, weil meine Kunden mich kennen und sich jederzeit versichern können, dass ich biologisch gesund mit dem Feld und den Kulturen umgehe. Andererseits, finde ich meine Standards höher und umfassender. Meine Praxis entwickelt sich in eine Richtung, die noch radikaler mit der Natur arbeitet: kein Umgraben entwickelt sich in Richtung Dauerbepflanzung; "Perma-Veggies" in Form von mehrjährigen Beständen von Grünkohl, Rosenkohl und anderen belegen ihre Plätze; Kompost wird nicht mehr gebraucht; Beikräuter werden für Bodengesundheit und als Ablenkung für Engerlinge genützt. Vor allem aber sind meine Experimente mit dem "Selbst-Säenden Garten" und die entstehende natürliche Ordnung für mich spannend.

 

PRODUKTIV (Ertragsmaximierung bei der Bewahrung/Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit)

Hier geht es um Dauerbeete, die Dank Handarbeit intensiver und lückenlos belegt werden können, sowie um das Schließen von Jahreslücken. Ob es um eine Mischkultur von Salat + Lauch + Fenchel + Mangold geht, um unterschiedliche Wachstumszeiten zu nützen, oder um das Auspflanzen von Paprika während die letzten Spinatpflanzen noch stehen, ermöglicht diese Praxis einen höheren Ertrag pro Quadratmeter ohne die Ressourcen (Mensch, Boden, Umwelt) auszubeuten.

 

INVESTITIONSEXTENSIV & ÖKONOMISCH (low-tech, einfach, Schritt für Schritt, Kostenminimierung)

Market Gardening ist mit wenig einfachen Werkzeugen und Materialien nicht nur machbar sondern effizient. Das reduziert die finanzielle Belastung am Beginn und auf Dauer. Nach vier Jahren sehe ich, dass ich bloß drei Werkzeuge (Rechen, Pendelhacke, Sauzahn) regelmäßig brauche. Investition am Beginn war in Wellpappe und Kompost, um Beete anzulegen. Danach kamen Bodengewebe für Okkultation, Vlies für Saisonverlängerung, Gitter für Kulturen wie Erbsen und Tomaten. Erst im dritten Jahr habe ich mir Dank Abo-Kunden zwei Folientunnel geleistet; diese einfachen, relativ kostengünstigen Strukturen ermöglichen Saisonverlängerung und Winterernte über Grünkohl hinaus sowie einen sicheren Ertrag bei Tomaten im Sommer. Sie sind nicht beheizt und somit emissionsfrei, was die Energiebilanz begünstigt und den ökologischen Fußabdruck mindert. Sämtliche Infrastruktur, von der Waschstation und Stützsystem in den Tunneln bis hin zur Packstation im Lagerraum baut mein Mann aus vorhandenen Materialien. Ich bin auch stolz darauf, dass ich keinerlei Subventionen bekomme. Aus meiner Sicht muss der Betrieb wie jeder anderer eigenständig stabil und erfolgreich sein.

 

KONSUMENTENNAH (Beziehung, Begegnung, Partizipation)

Market Garden als englischer Begriff stellt die Verbindung zwischen diesen Gemüsebauer/innen und der Direktvermarktung dar: Man gärtnert für den Direktverkauf am Markt. Auch wenn ich als "one-woman show" lernen musste, dass ich die zeitlichen Ressourcen für einen Stand am Wochen- oder Monatsmarkt schlechthin nicht habe, verkaufe ich ausschließlich direkt an Konsumenten, ob Privatpersonen oder Restaurants. Mir sind meine Beziehungen zu meinen Kunden wichtig, unsere Begegnungen immer eine Bereicherung.  Wir kennen uns und sie sind jederzeit im Küchengarten willkommen. 

 

Das sind die 7 Prinzipien, die Wolfgang ausführte. Es gäbe vielleicht noch mehr, wie etwa NACHHALTIG + FAIR (d.h. alle Ressourcen, inklusive die Gärtner/innen selber, sind in der Lage, sich selbst zu regenerieren), UMWELTBEWUSST (d.h. kleinst möglicher ökologischer Fußabdruck), WERTSCHÖPFERISCH (d.h. regionale Wertschöpfungsketten stärken regionale Ökonomien), ALL-IN-ONE + AUS EINER HAND (d.h. der Gärtner bzw die Gärtnerin ist für alles, von Anbau bis zum Ernten und Vermarkten, verantwortlich). Aber diese Prinzipien sind nebensächlich bzw. in seinen Ausführungen eingebunden. Ich finde, mit Wolfgang Palmes 7 Prinzipien können alle Market Gardener sich orientieren und unsere Kunden können den Unterschied zu herkömmlichem Gemüseanbau gut erkennen. Sie weisen darauf hin, was man bei der Kaufentscheidung von einem Market Garden bejaht. Small is indeed beautiful.

 

Im Slideshow unten seht ihr Fotos, die für mich diese Prinzipien verkörpern. Zum Abschluss ein großes Dankeschön an Wolfgang Palme für seine Ausführungen, die für Österreichs Market Gardener ein wichtiger Referenzrahmen sind.

 

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