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Regenerativ oder Selbsterneuernd?

Aus meiner wissenschaftlichen Arbeit in Sachen Lernen habe ich mitgenommen, dass die kraftvollsten Lernerfahrungen von einem Widerfahrnis ausgelöst werden. Genau das ist mir letzten Freitag passiert, als ich Eliot Colemans Vortrag im Rahmen der 3. Biointensive Marktgarten und Mikrofarming Konferenz anhörte.  Ich sehe Coleman als Vorreiter der modernen Marktgärtnerei in Nordamerika und identifiziere meine Praxis mit seiner Arbeit, auch wenn ich in Richtung "Null Inputs" gehe und das Potenzial von begrünten Wegen, Mischkulturen, selbst-säenden Kulturen und Permaveggies auslote.

 

Umso irritierter war ich, als er die "regenerative" Bewegung in seinem Vortrag kritisierte.  In der Frage-Antwort Runde hat er dies präzisiert: "Regeneration braucht man, wenn man jahrelang den Boden degradiert hat." Viele in dieser Bewegung verwenden weiterhin Chemikalien: "Even the best of regenerative growers still use herbicides. They're farming better, but the ideas are not new." Gerade die Neo-Gurus in diesem Gebiet preisen Ansätze und Techniken, die aus der biologischen Landwirtschaft kommen. Aus Colemans Sicht ist der Diskurs rundum "regenerativ" und "no-till" eine Kooptierung von Prinzipien und Praxen, die sogar ein Missbrauch davon darstellt, um fragwürdige Praxen zu beschönigen oder verstecken.

 

Das hat in mir heftig gearbeitet. Ich rede oft von "regenerativer Landwirtschaft". Was ist, wenn Eliot - ein Vorbild und Vorreiter, den ich respektiere - Recht hat? Ist das, was ich tue? Wie immer bei einem Widerfahrnis, indem ein Selbstverständnis plötzlich in Frage gestellt wird, wird eine Phase der Verunsicherung ausgelöst. So spürte ich eine gewisse Irritation und fühlte mich seit dem Vortrag verunsichert. Meine Gewissheit liegt darin, dass früher oder später die Irritation zu einem Aha-Erlebnis führt, und genau das ist mir heute passiert. Als ich an meinem Kurs "Gärtnern mit der Natur" gearbeitet habe und mit der grundlegenden Frage, "Was genau ist das, das ich mache?" gerungen habe, ist das Eureka! gekommen: Erneuerung! Genau genommenen arbeite ich nicht regenerativ sondern erneuernd. Ob "chop and drop" Mulch an Ort und Stelle, Gründüngung, Abwechseln zwischen Beet und Weg, Aussäen in nicht ganz abgestorbene Grasflächen... was ich eigentlich mit und in meinem Tun unterstützen will ist die Kraft der Natur, sich selbst zu erneuern.

 

Wie sich meine Arbeit im Küchengarten weiter entwickelt, ist in dem Vergleich zwischen 2018 und 2020 im Foto leicht zu sehen: Wo am Beginn Dauerbeete mit gemulchten Wegen waren, sind jetzt begrünte Wege, die nächstes Jahr als Beete dienen werden. Warum? Weil der Humusaufbau in den begrünten Wegen einfach schneller ist. Um das im Dauerbeet zu erreichen, müsste ich Gründüngung aussäen und wachsen lassen, aber das ist schon wieder ein Input und wieder Arbeit, vor allem aber Zeit. Die Natur erneuert sich wesentlich effizienter und vor allem von sich aus. Mit ein bisschen Steuerung von mir, gelingt es, wertvolle Beikräuter zu nützen, damit die natürliche Selbst-Erneuerung zugunsten meiner Pflanzen stattfindet.

 

Warum ich Vertrauen in diesen natürlichen Prozessen habe? Das allererste was man über ungeschützten Boden lernt ist, dass die Natur ihn nie nackt und exponiert lässt - es sei denn, es wird kurz vor dem Frost gepflügt und sie hat keine Zeit, den Boden zu schützen. Sonst erscheinen Pflanzen ganz rasch, ob von Samen und Wurzelstücke im Boden oder durch Samen, die vom Wind oder Tiere transportiert wurden. Zunächst wird eine Fläche von Beikräutern besiedelt, die typisch für den Ackerbau und andere Störungsereignisse wie Flut oder Murenabgang sind.  Die Natur ist klug. Sie bedeckt den Boden und schützt vor Erosion, schaut auf Verbesserung der Bodenstruktur und Bindung von Nährstoffüberschüssen, versorgt die Mikroorganismen mit Nahrung über Photosynthese, schafft Lebensraum für Insekten. Sie ist auch klug, indem abgestorbenes Material an Ort und Stelle verarbeitet wird.  Über die Zeit entsteht mehr Humus und ein ausgeglichenes Ökosystem entsteht, selbst-abgestimmt auf die Gegebenheiten und das Mikroklima. Manches gedeiht darin, manches verschwindet.  

 

Wir Menschen haben gelernt, wie wir diese Ökosysteme deuten können. Fast jede Pflanze ist eine Zeigerpflanze für Bodenverhältnisse. Brennessel, Vogelmiere, Ehrenpreis, Kletter-Labkraut, Gänsefuß und Kriechender Hahnenfuß zeigen auf reichlich Stickstoff - alle Mitbewohner im Küchengarten. Andere wie Hunds-Kamille und Wiesenmargeriten zeigen auf sauren Boden, auch relevant für den Küchengarten, wo der Ausgangsgestein Schiefer statt Kalk ist.  Wegerich und Acker-Schachtelhalm deuten auf verdichteten Boden, und so weiter. 

 

Wie ich mich als Gärtnerin zu diesen Pflanzen verhalte hat mit meiner Haltung gegenüber der Natur zu tun. Ich stimme Eliot Coleman zu, wenn er manche Neo-Gurus kritisiert, weil sie zu viel Kompost verwenden. Ich habe mich gefreut zu erfahren, dass auf Four Season Farm der Familie Coleman - jetzt unter der Leitung von Eliots Tochter Clara Coleman - man zunehmend in Richtung Gründüngung geht, weil Kompost und Co nicht nachhaltig sind. Für Eliot hat es auch mit Unabhängigkeit zu tun:  "I don't believe that any farm that is dependent on inputs can ever be independent."  Deshalb strebt er mit seiner Tochter Clara ein System an, "dessen Bodenbedürfnisse von dem Boden selbst erfüllt werden" ("a system whose soil needs are met in the soil").

 

Nun komme ich auf "regenerativ" zurück. Eliot hat Recht: ein gesunder Boden braucht keine Regeneration. Er braucht aber stetige Erneuerung, damit unsere Eingriffe ihn nicht ausschöpfen oder so verändern, dass er für unsere Kulturen nicht mehr geeignet ist. Der Weg zur Selbst-Erneuerung im Küchengarten umfasst sowohl Gründüngung als auch Mischkultur, Beschleunigung von Absterbeprozesse durch Okkultation und Nutzung von organischem Material an Ort und Stelle, das Loslassen von arbeits- und input-intensiven Dauerbeeten und das Zulassen von nützlichen Beikräutern, die hoch effizient Erneuerungsprozesse in Gang halten und ganz nebenbei Schädling wie Engerlinge von meinen Pflanzen ablenken sowie Nützlinge wie Marienkäfer fördern. 

 

Also, ab heute rede ich nunmehr von Selbst-Erneuerung der Natur und selbst-erneuernder Praxis. Die Regeneration überlasse ich jenen, die Lösungen für degradierten Boden suchen.

 

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