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Wie sich das Leben äußert: Der phänologische Kalender des Küchengartens

Die Phänologie ist die Erscheinungslehre der Natur, von phäno- "ich erscheine" und logos "Kunde". Wie schön ist das denn, sich von Erscheinungen der Natur lehren zu lassen? Gerade weil mir Gärtnern mit der Natur ein Herzensanliegen ist, nehme ich die Zeichen der Natur ernst. Das macht man auch in der Meteorologie und der Klimaforschung, wo beobachtbare Veränderungen über die Jahrzehnten zunehmend analysiert werden. Phänologie ist auch vielleicht der größte Bereich im Rahmen von "citizen science". Wir können uns alle daran beteiligen!

 

Mein Beobachtungsraum für meine Region ist allerdings eingeschränkt. Seit 1994 wohne ich der Gemeinde Hatting, erst seit 1999 lebe ich am Hattingerberg. Das gibt mir bloß 20 Jahre an Erfahrungswerte, die ich im Gespräch mit älteren Menschen ergänzen kann. Was mir im ersten Jahr auf unserem Plateau sofort aufgefallen ist: Der Beginn des Frühlings ("Erstfrühling") am Hattingerberg ist circa zwei Wochen später als im Dorf.  Das hat sowohl mit der Seehöhe als auch mit der Schattenseite des Berges zu tun. 

 

Bäume, Vögel, Insekten und Pflanzen werden in der Phänologie beobachtet. Ihr Verhalten und ihre Entwicklung dienen als Zeiger für die Jahreszeiten, die in dem phänologischen Kalender wesentlich ausdifferenzierter sind.  Diese Ausdifferenzierung habe ich in Hinblick auf Wintergemüse und Winterernte im Küchengarten noch weiter getrieben: Statt eine ganz lange Winterphase, die von Dezember bis Februar erstreckt, habe ich genauer hingeschaut. Dezember ist meist mild in unserer Region; man redet von Tauwetter zur Weihnachten, und das gibt es in der Tat relativ verlässlich. Vor allem aber wollte ich die Winterernte von Gemüse am Feld und in unbeheiztem Folientunnel genauer unter die Lupe nehmen.  Eine eindeutige Differenzierung zwischen "Frühwinter" und "Hochwinter" war klar. Ich versuchte auch eine Differenzierung zwischen "Spätwinter" und dem "Vorfrühling" auszuarbeiten, aber sie fließen ineinander und ein Spätwinter hatte keine scharfen Konturen, woran ich eine eigene Jahreszeit erkennen konnte. Was allerdings in meiner Analyse klar geworden ist: Winter ist am Hattingerberg insgesamt kurzer als man normalerweise in einem phänologischen Kalender liest, nämlich 75 Tage statt 85 Tage. Die milderen Wetterbedingungen in unserer Region haben auch mit dem Wettereinfluss "Südföhn" zu tun. Auch wenn Hattingerberg weitgehend von dem starken Föhnwind aus dem Süden geschont ist, spüren wir eindeutig die Wärme, die er mitbringt.

 

Wozu das Ganze? Weil ich als Marktgärtnerin mich immer mit Anbauplanung beschäftige und arbeite zunehmend mit Zeigerpflanzen, die mir wichtige Hinweise über die Keimzeit, Wachstumsphasen und Erntezeit von Gemüsearten geben. Mein inzwischen breites Wissen über verschiedene Sorten kommt zusammen mit meinen Beobachtungen von Kulturpflanzen im Küchengarten, insbesondere mehrjährige Arten wie Rhabarber und Liebstöckel und selbst-säenden Kulturen wie Kerbel und Vogerlsalat. Gerade Vogerlsalat ist zum verlässlichen Partner geworden. Wann er erstmals im Herbst keimt und wann er im Frühjahr mit der Blüte beginnt sind wertvolle Signale über den Verlauf der Saison. 

 

Der Unterschied zwischen Gärtnern nach dem menschlichen Kalender und Gärtnern nach dem phänologischen Kalender ist erfahrungsgemäß Zufriedenheit und Zuversicht. Die getaktete Zeit nach unseren Vorstellungen wurde von den griechischen Gott der Zeit, Chronos, verkörpert. Er wird meist mit Flügeln, einem Sichel und einer Sanduhr dargestellt. Chronos steht für die tickende Uhr, die Art und Weise wie wir Zeit kontrollierbar machen.  So können wir Termine ausmachen, Zeit messen und planen. Kairos hingegen steht für den günstigen Moment, der rechte Augenblick. Er ermahnt uns, dass wir wachsam und entscheidungsfähig sein müssen, denn die günstige Gelegenheit kann schnell vorbei sein.  Meine Erfahrung im Garten zeigt mir seit vielen Jahren, dass meine Vorstellungen und Pläne gut sind, allerdings meine Orientierung auf die Erscheinungen im Jahreszyklus der Natur noch mehr Erfolg und somit Zufriedenheit und Zuversicht beschert. Die Bodentemperatur, wesentlich für Keimung, wird nicht nach dem Kalendertag bestimmt sondern von Ereignissen wie Niederschlag und Sonne.  Viele Gemüsearten reagieren auf Tagesdauer, manche Sorten mehr als andere. 

 

Gärtnern mit der Natur bedeutet für mich, meine eigene Absichten in Einklang mit der Natur zu bringen. Unten finden Sie meine Adaption und Ergänzungen zu den phänologischen Jahreszeiten auf Basis meiner Beobachtungen am Hattingerberg und im Küchengarten. Mein Ziel dabei war es, die Planungssicherheit zu erhöhen, denn Pflanzen entwickeln sich viel mehr im Einklang mit dem Saisonverlauf als nach meinem Befehl.  Es war eine überraschend wertvolle Übung. Mir wurde wieder bewusst, was Saisonalität bedeutet bzw. bedeuten kann, warum Frühjahr und Herbst sich widerspiegeln und wie Erfolg auch von der Auswahl der Sorten abhängt.

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